Stein, Oktober 1991

Es gibt so etwas auch heute: eine starke Begabung »von Haus aus«, das Lernen in der Werkstatt der Kundigen und in der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen, ohne Inanspruchnahme einer Kunstakademie, schließlich eine enorme Arbeitsenergie, ohne die nichts geht.

»Ausgehend von der Natur in ihrer Anschaulichkeit«

Die jetzt 27jährige Münchner Bildhauerin Caroline Wagner hat in relativ kurzer Zeit bereits ein Œuvre geschaffen, auf das so mancher Ältere stolz sein könnte: vorwiegend Tierbronzen, aber auch einen Christophorus und in privatem Auftrag einen Grabengel, das Porträt des kleinen Sohnes Moritz und erste Tierfiguren in Marmor, Studien einer Sitzenden und einer Pieta.

Caroline Wagner hat es leicht und schwer zugleich. Bei ihrem agilen Vater, dem Bildhauer, Maler und Zeichner Hansjörg Wagner, konnte sie früh schon das Metier erleben: in dessen Münchner Atelier und bei den Korrekturen, die er der Gemeinschaft der gleichaltrigen Akademieverweigerer in einer gemieteten Etage an der Münchner Blumenstraße gab, vor allem aber während der vielen Arbeitswochen in der Versilia, nordwestlich von Lucca, wo die Wagners in Pietrasanta eine Wohnung besitzen und in der Marmor-Gemeinde Seravezza eine von Ortsansässigen betriebene Werkstatt nutzen konnten. Neuerdings haben sie ihre eigene Halle dort. Caroline Wagner vervollkommnet im Umgang mit italienischen Kollegen jetzt vor allem ihre Steinbearbeitung. Die traditionelle Selbstverständlichkeit des Könnens, Lernens und Vollendens, die sie bei den italienischen Bildhauern und Bronzegießern erlebt, beeindruckte sie früh schon sehr tief. Bei ihnen fand sie die Professionalität vielfach bestätigt, die ihr der eigene Vater vorlebt. Zugleich wurde ihr das ungeheure Gefälle zwischen dieser Bildhauerregion der Versilia und der Münchner Umwelt bewußt - für sie als Tochter besonders stark spürbar in der Anerkennung durch Ausstellungen und Preise, die der Vater in der Versilia und in Florenz genießt. Auch sie selber konnte sich im Palazzo Mediceo zu Seravezza bereits zur Geltung bringen, desgleichen in Murnau und in Gräfelfing bei München. Im Innenhof des Münchner Landesvermessungsamts steht auf einem Steinsockel - als Ergebnis eines Wettbewerbs - ihre Landende Krähe, für die Münchner Linprunstraße gestaltete sie einen Brunnen.

Begonnen hatte Caroline Wagner mit dem Studium der Musik - auch dies ist Teil der in der Familie vorhandenen Begabung. Doch dann erkannte sie ihre eigentliche Bestimmung. Das Temperament ist ähnlich wie beim Vater: die Leidenschaft des Arbeitens. Ein Gegeneinander gibt es nicht, doch fraglos die erwiesene Kraft der Selbständigkeit. Übereinstimmung im Grundsätzlichen also, doch ihren privaten Existenzkampf führt Caroline Wagner ganz allein.

Aus Form entwickelte sie Gegenform: die Festigkeit ihres Tukan, die imposante Statur ihres symbolträchtigen Krähenden Hahns, den sie als Modell sich in die Wohnung holte, den sie aufgipfelnden Moment ihres Klappernden Storchs, den Stehenden Pinguin. Sie weiß: Es ist notwendig, immer wieder von vorn anzufangen, nicht in jungen Jahren bei den späten Ergebnissen eines anderen einsetzen zu wollen; den Weg, den ein anderer ging, aus eigener Kraft und auf eigene Weise zu bewältigen: »Es bringt mich zur Verzweiflung, wenn ich die ideale Idee nicht erreiche.« Der Kampf um die Sicherheit der Form bildet die Basis des Verständnisses. An Rodin ist zu lernen, wieviel wegzulassen ist. Den Ursprung ihrer Kunst bildet »die Natur in ihrer Anschaulichkeit«. Da gibt es keine Trennung zwischen Körper, Seele und Geist- und keinen Gegensatz zu der Form, die aus dieser Einheit hervorgeht. »Ich halte mich an Gottes Wort und die Anschauung« - in der Süße eines Kinderkopfes wie in der Studie eines Sterbenden. »Die Wahrheit ist kein Mehrheitsbeschluß. Was ich mit Gott und der Natur ausmache, steht in meiner eigenen Verantwortung.«

Ihre Erfahrungen mit dem Kunstbetrieb bringt Caroline Wagner auf die Formel: »Er ist nicht mit künstlerischer Potenz zu verwechseln.« Es geht ihr nicht um Opportunität - ganz im Gegenteil. Ihre Chance sieht sie in dem von offiziellen Kunstdoktrinen freien Privatinteresse. »Ernst gemeinte Sachen schaffen, nicht rumblödeln« das bleibt die Linie.

Reinhard Müller-Mehlis